Der Säufer von Marburg und die Worte eines Kanzlers

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„Überqueren Sie die Kreuzung an der Ampel, wenden Sie sich dann nach rechts zum Aufzug in die Oberstadt. Nehmen Sie nicht den Tunnel unter der Kreuzung. Das ist nicht schön“, rät mir die Sparkassenmitarbeiterin und lächelt dabei unverbindlich, wie sie wohl auch lächelt, wenn sie einem Kunden Kredite vermittelt.

Ich hatte die Filiale der Sparkasse betreten und nach dem Weg zum Tourismusbüro der Stadt Marburg gefragt, der ich nach über dreißig Jahren ´mal wieder einen Besuch abstatte.

Ich folge dem Rat der jungen Frau und sehe, von der Kreuzung aus, am Eingang zum zu vermeidenden Tunnel eine Gruppe von Alks, vielleicht auch ein paar Methadonis dabei, die dort, morgens gegen zehn Uhr, bereits ihre ersten Flaschen leeren. Die freundliche Mitarbeiterin der Sparkasse konnte ja nicht wissen, dass mich eine solche Trinkerversammlung nicht schrecken würde, weil ich derartige Gruppen nahezu täglich sehe, nämlich immer, wenn ich den Bahnhof passieren muss.

Rauf also in die Oberstadt – den oberen Teil der Altstadt Marburgs, schön zu Fuß, steil ansteigenden Straßen mit Kopfsteinpflaster in Richtung Marktplatz mit dem Ziel Schloss folgend.

Schon nach wenigen Metern kommt mir in dieser ehrwürdigen Universitätsstadt eine Gruppe junger Menschen entgegen, Studentinnen und Studenten, ganz offensichtlich. Laut lachend, eher grölend, Fahnen flattern der Gruppe voran, aber nicht die des Vietcong oder der kurdischen Anti-IS-Kämpfer, sondern von alkoholischer Penetranz. Etwa die Hälfte der Gruppe, darunter auch etliche junge Damen, hat eine Bierflasche oder Bierdose in der Hand, die das Bier immer wieder zum Mund führt. Klar, auch solchen Typen begegne ich in der Heimat. Meistens aber als Einzelpersonen, gelegentlich mal zu zweit, aber nie in 15-er Gruppen.

betrunkener bauerIch ziehe an der in Alkoholdunst gehüllten Gruppe vorbei, um – nach nur wenigen Schritten – einer nächsten zu begegnen. Andere junge Leute, aber der gleiche Bierdunst.

Am Markt dann so eine Art Sammelpunkt, zu dem, aus allen Seitenstraßen kommend, immer wieder neue Gruppen ziehen – alle übrigens in unterschiedlichen Staffagen oder Verkleidungen, mal Zylinder, mal goldene Engelsflügel, mal einfach nur grüne Bänder, alle aber mit Bier und alle mit der Bierfahne voran.

Ach ja! Semesterbeginn. Und die zahlreichen Gruppen bestehen aus „Erstsemestern“ der verschiedenen Fachschaften, die von Tutoren in Form einer Rally mit der Stadt vertraut gemacht werden. Und für eine gelöste Rally-Aufgabe gibt es zur Belohnung Bier – gesponsert von den Tutoren, den Fachschaften, örtlichen Geschäften oder Brauereien.  Weniger Tage später erzählt mir übrigens eine Cousine, deren Sohn in Aachen das Studium aufgenommen hat, von einer identischen Veranstaltung in der Kaiserstadt. Am Beginn des Studiums also ein öffentliches Besäufnis mit Start in den Morgenstunden!

Ich bin doch ziemlich konsterniert! Unsere akademische Jugend – zukünftige Manager, Ärzte, Wissenschaftler, Pädagogen – ein Haufen alkoholisierter Kampftrinker, der sich schon morgens um 11 Uhr von den Säufern in der Unterführung im Kern nicht unterscheidet, sondern bestenfalls durch das eine oder andere hippe Mützchen oder angesagte Accessoire und das ständige sich selbst Abfotografieren.

Muss ich jetzt vor mir selber erschrecken, weil mich das spießerhaft stört und mich als konservativen alten Sack (wahlweise zornigen alten weißen Macho) entlarvt? Soll ich die Dozenten bedauern, denen solcherlei Studenten in den Vorlesungen und Seminaren gegenüber sitzen? Kann ich mich in meiner in den letzten Jahren gewachsenen Überzeugung bestätigt fühlen, dass unsere Gymnasien Jahr um Jahr mehr Abiturienten mit immer mehr 1er-Abis ausstoßen, aber auf dem Feld der Erziehung – und gar der ästhetischen- vollends versagen?

Oder soll ich zynisch sagen, dass das wohl das Ergebnis der geistig-moralischen Wende bzw. Erneuerung ist, die Kohl im Wahlkampf 1980 ausgerufen hat? Denn er hat es doch geschafft, in diesen Tagen noch einmal in die Schlagzeilen zu kommen – mit seinem Protest gegen die Veröffentlichung von Protokollnotizen von Gesprächen, die er über Jahre einem Journalisten gewährt hat. Da lästert Kohl über Weggefährten und innerparteiliche Konkurrenten  ab. Das ist zwar, vom Informationsgehalt her, wenig substanziell, reicht aber immer noch für Schlagzeilen und sogar eine Titelstory im SPIEGEL.

Und was tritt dabei in den Hintergrund? Dass Kohl in den Jahren 1993-1998 verantwortlich dafür war, dass rund 2,1 Millionen Mark an Spendengeldern für die CDU nicht deklariert worden sind. Dass er vier Mal vor den Untersuchungsausschuss geladen worden ist und sich geweigert hat, die Namen der Spender zu nennen. Dass er gegen seinen Amtseid und geltendes Recht (Parteiengesetz) verstoßen hat. Dass er sich vor dem Ausschuss bei der Befragung rund 200 Mal auf Gedächtnislücken und Nicht-Wissen berufen hat. Dass in den Tagen des Übergangs von der Regierung Kohl auf die Regierung Schröder im Kanzleramt hunderte Seiten von Akten vernichtet sowie Festplatten gelöscht worden sind. Dass Kohl also nicht einfach nur die dumpfbackene Birne war, als die er gerne karikiert wurde, sondern ein Mann mit – letztlich – krimineller Energie, wenn es um seinen Machterhalt und politische Vorteile ging – ein Wolf im Strickjacken-Fell  sozusagen!

Und dass er die Tür aufgestoßen hat für all die Schmuddel- und Stumpfsinnformate, die uns heute aus den Fernsehpixeln entgegen wabern, dass er Verantwortung trägt für die Übersexualisierung unseres Alltags und die Alkoholfahnen der jungen Studentinnen und Studenten in Marburg und anderswo!

Ich hätte nicht übel Lust, den Alten aus Oggersheim in seinen Rollstuhl zu packen und ihn in die Horde der Trunkenbolde am Marktplatzbrunnen von Marburg zu schieben. Ob die aber überhaupt wüssten, wem sie da ein Pils anbieten?

Wahrscheinlich nicht!{jcomments on}

 

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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