Ein Spatz pfeift nichts vom Dach – zweiundzwanzigstes Kapitel

10. Tag, morgens

Wie am Tag unserer Ankunft standen wir wieder neben einander an der grünen Linie vor Qualles Schreibtisch. Die Zeit, uns auszutauschen, hatten wir weder am gestrigen Abend noch heute Morgen gefunden.

 

Am gemeinsamen Abendessen durften wir nicht teilnehmen, sondern wurde in unsere Zellen geschickt und mit einer hastig zusammengepantschten Gemüsebrühe versorgt, während die Wachleute, verstärkt um weitere Kräfte, im Speisesaal für Ruhe und Ordnung gesorgt hatten.

najaAuto-Manni hatte kein Wort gesagt, als er nach dem Essen in unsere Zelle kam. Im Schlaf hatte er allerdings mehrfach so etwas wie „Super-Hupen“ gemurmelt.

Qualle saß uns nicht am Schreibtisch gegenüber. Er stand am Fenster, mit dem Rücken zu uns, hinter dem er seine Tentakel ineinander verschränkt hatte.

Nach einer Phase des Schweigens sagte er schließlich:

„Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, meine Herren?“

Keiner von uns meinte antworten zu müssen.

Ohne sich umzudrehen, fuhr Qualle fort:

„Ein Kotelett, ein Schweine-Kotelett in der Hand der Freiheitsstatue. Ist das nicht unter ihrem Niveau, Ehrgart. Hätte es nicht ein Steak sein müssen, ein Steak von einem Kobe-Rind natürlich! Und wäre für unseren Panflöten-Spieler nicht wenigstens der Ansatz eines Kostüms angemessen gewesen? Die Folklore-Tracht eines Panflötenspieler aus den Anden? Ein Hut, aus einem Kürbis geschnitzt. Oder Zwiebelringe für die Ohren?

Und überhaupt. Karl Moor – der sich doch am Ende des Dramas selbst verurteilt und sich in die Hände der Polizei begibt. Der Ritter Götz, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Und Posa – letztlich ein Intrigant, der seine eigenen Ziele verrät. Und dann noch Faust. Dieser geile alte Kerl, der sich an einer Minderjährigen vergreift, sie schwängert und dann sitzen lässt- ein tolles Vorbild! Das ganze Faust-Drama ist doch nur noch ein Schatzkästlein von Weisheiten, die man auf Deckchen sticken kann, um damit die Wand über dem Sofa oder über der Eckbank am Küchentisch zu verzieren. ´Eigener Herd ist Goldes wert´ und derlei Kalendersprüche mehr. Bleibt noch dieses Gemälde von Delacroix: die Freiheit und ihre Brüste. Ich glaube ja eher, dass viele Männer ihre Freiheit wegen der Brüste einer Frau verloren haben. Oder was meinen Sie, Schlehmann?“

Ich zuckte zusammen. Hatte ihm jemand etwas über meine Therapiestunden erzählt? Als Antwort fiel mir auf die Schnelle nichts anderes ein als:
„Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

„Schon wieder Faust. Und keiner weiß so genau, wie diese Schlusszeilen aus dem Zweiten Teil gemeint sind. Wissen Sie, was mein Lieblingszitat von Goethe ist? Getretner Quark wird breit, nicht stark. Und das genau ist es, was Sie da veranstaltet haben. Getretner Quark! Der aus den Mauern dieser Anstalt quillt, das Aufsehen der Behörden erregt und mir die Leitung dieser Einrichtung erschwert. Als hätte ich nicht schon an mir selbst schwer genug zu tragen!“

Diesen Hang zur Selbstironie hatte ich ihm nicht zugetraut. Ich meinte sogar, in seinem Gesicht, das sich in der Fensterscheibe für einen kurzen Moment spiegelte, so etwas wie ein Grinsen zu sehen. Die Finger hinter Qualles Rücken lösten sich auseinander, er verschränkte die Arme vor der Brust und wippte einige Zeit auf den Füßen hin und her. Das Grinsen in der Scheibe verschwand.

Wir sahen uns an. Kotzer zuckte in einer Fragegeste mit den Schultern, Ehrgart schüttelte ratlos den Kopf. Gratzek legte den gestreckten Zeigefinger an den Mund. Wir sollten schweigen!

„Um einen Vermerk in den Personalakten komme ich nicht herum. Ich verstehe das Vorgefallene so, dass Ihr Interesse darin bestand, einen literarisch-künstlerischen Unterhaltungsabend zu gestalten, der dann allerdings aus dem Ruder gelaufen ist. Immerhin sind die Werke, auf die Sie zurückgegriffen haben, ja nicht verboten, sondern gehören sogar zum Bestand unserer Bücherei. Gleichwohl muss auch eine Bestrafung sein. Diese besteht in einer Umorganisation. Auf die Koch- und Schnitzkünste von Herrn Ehrgart werden wir eine Weile verzichten – er wechselt in die Abteilung für Handy-Recycling, dafür geht Gratzek in die Küche, Kotzer –Verzeihung! -Lengerich übernimmt die Bücherei. Und Sie, Herr Schlehmann, werden bis zur völligen Gesundung erst einmal von weiteren Arbeiten befreit. Sie können jetzt gehen. Ihre Bereichsleitungen werden informiert. Das war´s. Abmarsch!“

Wir gingen los, ich als letzter. Ich hatte die Tür noch nicht ganz ins Schloss gezogen, als ich ein leises melodisches Pfeifen hörte. Ich öffnete die Tür einen Spalt, um ins Zimmer sehen zu können. Qualle stand immer noch am Fenster und sah hinaus. Und – er pfiff doch tatsächlich, leise- aber unverkennbar – die Marseillaise!

Ich zog die Tür zu.

„Was geht hier denn ab?“ fragte ich.

Gratzek antwortete:

„Ruhig, ganz ruhig! Kein Wort über das Gesagte und Gehörte. Wir machen weiter. Wir sehen uns heute Abend beim Duschen!“{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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