Und die Möhre sprach: Er aber, sag’s ihm, er kann mich… – einundzwanzigstes Kapitel

9. Tag, abends

Ich hatte Ehrgart eine kleine Buchauswahl zugestellt, zwei Kunstbände waren darunter und einige Klassiker der deutschen Literatur. Das, was Qualle als Bücherei bezeichnet hatte, als er mir die Tätigkeit als Büchereigehilfe zuordnete, hatte sich als fensterloser Raum entpuppt, der von einigen voll korrekten Energiesparlampen in ein dumpfes Licht getaucht wurde.

 

Die Auswahl an Büchern war eher schmal. Mehrere Regale waren mit Bänden gefüllt, die Parteitagsbeschlüsse der PDKE und Reden des Regierungschefs und der Parteivorsitzenden enthielten. Ein Regal war ausschließlich rund zwanzig Ausgaben des Programms der drei KAs vorbehalten. Den zugehörigen Karteikarten entnahm ich, dass bisher lediglich ein Exemplar einmal ausgeliehen worden war – von Qualle.

Relativ groß war die Anzahl der Kochbücher, die vegetarische und vegane Rezepte enthielten, jeweils versehen mit einem Begleitwort des Regierungschefs und der Ministerin für Gesunde Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Eine Schutzschicht aus Staub deutete darauf hin, dass von diesen Büchern wenig Gebrauch gemacht wurde. Ich blätterte ein wenig im Standardwerk „Das große Buch des korrekten Kochens und Backens“. Neben das Rezept für einen „Weißkraut-Rapunzel-Salat“ hatte jemand mit krakeliger Schrift notiert: „Schmeckt beschissen!“ und eine kleine Karikatur angebracht, die einen über eine Kloschüssel gebeugten Mann zeigte, der sich erbrach. Zudem hatte der Künstler das Foto des Regierungschefs, das neben sein unvermeidliches Begleitwort gesetzt war, durch das Hinzufügen einer mit Kugelschreiber gezeichneten Zigarette verunstaltet, die zwischen den Lippen des Regierungschefs munter qualmte.

Das Interesse an der Ausleihe von Büchern hielt sich insgesamt offensichtlich in engen Grenzen, was mich bei dem geringen Angebot an dem, was noch als Unterhaltungsliteratur vorhanden war, kaum wunderte. Meine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, den Staub von den Büchern zu wischen. Jedenfalls hatte ich bisher in der halbstündigen Öffnungszeit der „Bücherei“ nach dem Mittagessen keinen einzigen Kunden.

Aber den einen oder anderen Kommentar hatte ich mir wegen der Beule an der Stirn eingefangen.

„Tja, kann man leider nicht wegschminken“, hatte Ehrgart beim Anblick meines Hörnchens gesagt, „bestenfalls reinklopfen!“.

Dabei rührte er spielerisch vor meiner Nase mit einem Kartoffelstampfer herum.

Auch Kotzer hatte mich nicht ungeschoren davonkommen lassen und ganz tief in seine Witzekiste gegriffen.

„Sieht ja dramatisch aus. Hoffentlich ist es nicht lebensbedrohlich. Ach, in dem Zusammenhang: Kennst du den?

Geht ein Mann zum Arzt, ne, noch mal von vorn: Geht ein Mann zur Ärztin und fragt nach der Untersuchung: Steht es schlimm um mich? Und sie antwortet: Eine Langspielplatte würde ich mir nicht mehr kaufen!

Super, nicht wahr! Keine Langspielplatte mehr kaufen. Ich könnte mich beömmeln!“

Und Auto-Manni erging sich bei meinem Anblick in einer Litanei über das Ausbeulen von Kotflügeln und das anschließende Lackieren.

Mittlerweile hatte sich die Beule aber ganz zurückentwickelt und einer zwischen Dunkelgrün und Gelb-Braun changierenden Verfärbung Platz gemacht, die mir auf der Stirn saß wie ein drittes Auge oder ein nur aus modischen Gründen getragenes Bindi, so dass ich schon fürchtete, Kotzer oder Ehrgart würden mir den Spitznamen „Aushilfs-Hindu“ verpassen.

Auf dem Weg zum Abendessen traf ich Gratzek, der sich jeglichen Kommentars zu meinem Stirnschmuck enthielt und mir zuraunte:

„Mal sehen, was heute passiert. Unser Gemüsemeister hat wohl was vorbereitet.“

Als ich den Speisesaal betrat, waren fast alle Plätze schon besetzt und es war ungewöhnlich ruhig. Niemand sprach, alle schienen auf etwas zu warten. Als die letzten Nachzügler an ihren Gruppentischen saßen, kam Kotzer aus der Küche. Er setzte etwas an den Mund, was eine große Ähnlichkeit mit einer Panflöte aufwies und aus einer Reihe unterschiedlich großer und dicker Möhren bestand, die nebeneinander an drei Stangen Porree festgebunden waren. Nicht ganz sauber, aber doch für jeden erkennbar, ertönten die ersten Takte der Marseillaise, als Kotzer in die ausgehöhlten Möhren blies.

Als er das Instrument vom Mund nahm, sagte er:

„Das heutige Menü ist der Freiheit gewidmet! Und der Kunst und Literatur!“

Die Flügel der Schwingtür zum Küchentrakt gingen auf und Ehrgart trug mit seinen Küchenhelfern Platten mit großformatigen Gemüseskulpturen herein. Die erste Skulptur stellte einen Mann dar, umgeben von einer Gruppe weiterer Männer, die teilweise Dolche und Pistolen in den Händen hielten. Die Platte wurde auf einem Tisch abgesetzt und Kotzer rief in den Saal:

„Friedrich Schiller, Die Räuber, Erster Akt, 2. Szene, Karl Moor spricht ´Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus!`

Die zweite Platte zeigte einen älteren Mann, der in einem Sessel saß. Wieder sprach Kotzer:

„Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Zweiter Teil, Szene: Großer Vorhof des Schlosses, Faust spricht

´Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.`

Immer noch herrschte atemlose Stille, an keinem der Tische regte sich jemand oder bewegte auch nur eine Hand auf dem Tisch oder einen Fuß auf dem Boden. Die vier im Saal verteilten Wachleute tauschten stumme Blicke aus, als die dritte Platte, ganz aus Blumenkohl und Porree gestaltet und wie aus feinem Elfenbein geschnitzt, an den Tisch gebracht wurde. Ein Mann kniete vor einem anderen Mann mit einer Krone auf dem Kopf und auf einem Thron sitzend. Kotzer kommentierte:

„Friedrich Schiller, Don Karlos, Dritter Akt, zehnte Szene. Marquis von Posa zu Philipp II. von Spanien

´Geben Sie Gedankenfreiheit!`

An meinen Tisch wurde eine recht aufwändig gestalte Skulptur aus verschiedenen Gemüsesorten getragen. Der Turm einer Burg, aus dem ein behelmter Möhren-Mann mit einer Art Armschiene und einem Handschuh herabblickte und zu einem Mann sprach, der unten am Turm stand, in ein prächtiges Kostüm gekleidet war und dessen Gesicht unübersehbar denen des Regierungschefs ähnelten.

„Johann Wolfgang von Goethe, Götz von Berlichingen, Dritter Akt, Szene Jaxthausen. Götz ruft dem kaiserlichen Boten zu

´Er aber, sag´s ihm, er kann mich am Arsch lecken!`

Erstes Gelächter im Saal, vermischt mit einigen Bravo- Rufen!

In dem Moment ritt mich der Teufel. Ich sprang auf und rief in den Saal:

„Falsch, falsch zitiert. Es muss heißen: er kann mich im Arsch lecken. Im Arsch, nicht am Arsch! Die Präposition ist wichtig – für den Lecker und den Geleckten macht das einen Unterschied, ob man am oder im Arsch leckt oder geleckt wird. Das ist doch wohl klar, oder?“

Die atemlose Stille kehrte zurück, ich setzte mich wieder. Die Stille hielt an, bis Kotzer seelenruhig sagte:

„Recht hat der Mann – am oder im, das ist ein Unterschied! Ein Lob unserem Aushilfs-Hindu!“

Gelächter, Gejohle und Geklatsche brandete auf. Ich setzte mich wieder.

Die nächste Platte wurde hereingebracht. Eine großartige Umsetzung des Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix als Gemüseskulptur, bis in kleine Details hinein dem Original ähnelnd. Mit einem Unterschied: die Frau, die in der Mitte des Bildes, auf der Barrikade stehend die Freiheit symbolisiert, schwenkte nicht die Trikolore, sondern die Flagge unseres Landes.

Auto-Manni sah sich angesichts der wohl geformten Brüste der Freiheit zu einem Kommentar veranlasst.

„Super Hupen, wirklich: Super-Hupen!“ rief er in den Saal und bekam dafür von mehreren Männern zustimmenden Applaus

Als letzte Skulptur wurde nun eine Nachgestaltung der Freiheitsstatue hereingetragen, auch diese war insgesamt detailgetreu gestaltet, hielt aber keine Flamme hoch, sondern – unschwer zu erkennen – ein Kotelett.

Bravo-Rufe, unterstützt durch Klopfen mit den Essbestecken auf die Tischplatten, kamen auf. Einer nach dem anderen erhob sich von seinem Platz, bis schließlich alle im Saal standen und ihre Begeisterung durch rhythmisches Klatschen ausdrückten, das sich zu einem Beifallsorkan steigerte.

Nun wurde es den Wachleuten zu viel. Sie zogen ihre langstieligen Bambusstöcke blank, verteilten sich an die Tische, ergingen sich in „Ruhe-„ und „Setzen jetzt“- Rufe.

Gräffke, ihr Gruppenführer schrie in den Saal:

„Schluss jetzt mit dem Scheiß. Fresst und schweigt! Kotzer, Ehrgart und Schlehmann treten morgen früh bei der Anstaltsleitung an.“

Er riss der Freiheitsstatue das Gemüse-Kotelett aus der Hand, warf es auf den Boden und zertrat es mit seinen Stiefeln.

In die allmählich zurückkehrende Stille hinein rief Gratzek:

„Das ist Gemüsefrevel!“

Erneutes Lachen im Saal.

Der Gruppenführer trat auf Gratzek zu, spuckte ihm ins Gesicht und zischte:

„Du gehst mit morgen früh!“{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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