Wackelpudding – rot – achtzehntes Kapitel

7. Tag, vormittags

Mein EKG-Gerät hatte ich bei der Sekretärin im Vorzimmer abgegeben.

„Frau Dr. Sauber wird die Daten auslesen und dann alles weitere mit Ihnen besprechen“, hatte sie gesagt und war mit dem Gerät im Besprechungszimmer verschwunden. Bei ihrer Rückkehr forderte sie mich auf, dort Platz zu nehmen.

 

Ich saß auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch mit den gerahmten Fotos und wartete. Auf den Knien hielt ich das Paket von der Größe eines Schuhkartons fest, das mir Ehrgart nach dem Frühstück gegeben hatte und das mit einer blass-blauen Schleife verziert war.

„Lass dich überraschen, ich hoffe es gefällt dir. Und ihr auch“, hatte er gesagt und war wieder in die Küche gegangen.

Ich musste gähnen. Ich hatte kaum drei Stunden geschlafen und war völlig übermüdet. Und ich hatte Beine wie aus Pudding, wie aus Wackelpudding. Mir schossen Sätze Gratzeks durch den Kopf, vermischt mit Bildern von der Autofahrt im Traum.

Kurz vor Monte Carlo hatte ich scharf abbremsen müssen, weil auf der Straße eine Matratze lag, auf der sich ein Schwein räkelte, dem ein Rohr aus dem Kopf ragte. Ich war ausgestiegen und auf das Schwein zugegangen, das mich plötzlich angrunzte:

„Denk immer an die Alien-Chipse, mein Junge!“

Als ich mich umdrehte, um zum Wagen zurückzukehren, saß darin, aus einer orangenen Riesenmöhre geschnitzt, die Parteivorsitzende, die drei Spielkarten in der Hand hielt und kreischte:

„Du trägst ja keine korrekte Unterwäsche, mein lieber Cary!“

Ich war losgerannt, immer darauf gefasst, dass von irgendwoher das Flugzeug aus „Der unsichtbare Dritte“ auftauchte und mich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln besprühte. Nachdem ich ein Maisfeld durchquert hatte, sah ich an einer Kreuzung einen alten Citroen, an dem Kotzer lässig lehnte und rauchte.

Ich lief auf ihn zu.

„Los, steig ein“, sagte er, „wir hauen ab!“

Er startete den Wagen und bot mir eine Zigarette an. Nach dem ersten Zug bekam ich einen Hustenanfall.

„Mein Gott, was ist das für ein Kraut?“ röchelte ich und warf die Zigarette aus dem Fenster.

„Klein geschnittene Bio-Pantoletten! Schmecken scheußlich, hauen aber rein“, lachte er sein Kotzer-Lachen.

Im Rückspiegel sah ich, wie ein Flugzeug in das Maisfeld stürzte und explodierte und das Feld in Flammen aufging.

Von dem Knall der Explosion wachte ich auf und lag auf dem Boden neben meiner Pritsche. Auto-Manni schnarchte immer noch.

Und nun saß ich hier und wartete. Ich wollte mir gerade die Fotos auf dem Tisch noch einmal ansehen, als sich der Raum elektro-statisch auflud und sich sämtliche Härchen auf meinen Armen und im Nacken aufrichteten.

„Wie geht es Ihnen, Herr Schlehmann?“ sagte sie und setzte sich hinter ihren Schreibtisch.

Als Antwort gähnte ich – ein toller Einstand!

„Verstehe. Nun, ich habe mir Ihre Daten angeschaut, und es ist nichts, aber auch gar nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Ich kann mir Ihre Ohnmacht nicht erklären, jedenfalls kardiologisch gesehen. Ich habe auch noch einmal Rücksprache mit dem Arzt im Krankenhaus gehalten, der den Behandlungsbericht verfasst hat. Auch er steht vor einem Rätsel!“

Alles war sehr geschäftsmäßig vorgetragen, nicht unfreundlich, aber doch professionell-distanziert. War das dieselbe Frau, die mir die Unterwäsche…

„Und wegen Ihrer Wollallergie habe ich erst mal alles geregelt! Ich werde mir gleich Ihre Kopfwunde anschauen, und wenn alles gut verläuft, werde ich in zwei bis drei Tagen die Fäden ziehen.“

Sie zog doch jetzt schon an den Fäden, an denen ich hing wie eine Marionette. Merkte sie das nicht? Und sie merkte wohl auch nicht, dass sich mein Puls schon wieder verlangsamte und meine Pumpe dabei war, ihren Betrieb einzustellen.

„Ich wollte mich bei Ihnen bedanken – für Ihre Fürsorge und Hilfe. Der Arzt im Krankenhaus hat mir gesagt, dass ich es letztlich Ihnen zu verdanken habe, dass alles noch recht gut verlaufen ist.“

Warum redete ich nur so gedrechselt?

„Ach, der gute von Hiesfeld übertreibt manchmal ein wenig.“

Ich stellte das Paket auf den Tisch. Sie errötete leicht, als sie die blass-blaue Schleife sah, und mein Herz schaltete einen weiteren Gang herunter.

„Wirklich für mich?“

Eine Verlegenheitsfrage.

Ich nickte.

Sie zog die Schleife auf, wickelte das Papier ab und legte es samt der Schleife zur Seite. Tatsächlich, ein Schuhkarton!

Sie nahm den Deckel ab.

Was sie herausnahm, war eine Gemüseskulptur Gratzeks, aus einer einzigen großen Rübe geschnitzt. Unzweifelhaft ein Kunstwerk.

Es zeigte eine Ärztin, unverkennbar mit den Gesichtszügen Dr. Saubers, die einen unbekleideten Patienten, mir nicht unähnlich, beatmete – von Mund zu Mund.

„Das ist….nun….interessant“, sagte sie und holte ein Glasschälchen aus dem Karton, während mein Herzschlag schon fast bei Null angekommen war.

Roter Wackelpudding – zu einem Herzen geformt.

„Ehrgart, du Sack“, seufzte ich, als ich nach vorne auf die Tischplatte kippte und dabei die Fotos umriss.

Heute, gegen 18.45 Uhr

Das Handy bleibt stumm, und ich kann im Moment nichts anderes tun als zu warten, während am Flugzeug Geschäftigkeit herrscht. Trotz des eingeschränkten Blickfeldes sehe ich, dass Shuttle-Busse heran rollen, um die Passagiere abzuholen, Catering-Transporter sich positionieren, und auch Bodenpersonal läuft am Flugzeug vorbei.

Dann hält ein Fahrzeug unmittelbar am Fahrwerk, ein Werkstattwagen. Ein Mechaniker in grauer Arbeitskluft steigt aus und nähert sich ohne zu zögern dem Schacht, in den er mit einer Taschenlampe hineinleuchtet.

Als der Lichtstrahl mich erfasst, wirft er mir einen Arbeitsoverall zu und sagt:

„Hurry up!“

So schnell es in der Enge geht, streife ich mir den Overall über, an dem unter der rechten Brusttasche eine Ausweiskarte mit einem Lichtbild von mir hängt. „Miguel Cervantes“ steht unter meinem Foto und „Technical Support Service“.

„Let´s go“ ruft der Techniker mir zu. Ich steige in die Kanzel des Hubsteigers über, den er ausgefahren hat und jetzt wieder einfährt, klettere heraus und nehme neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz. Unter seinem Konterfei am Overall lese ich „Francisco da Silva.“

Er startet den Wagen und kurvt zwischen anderen Fahrzeugen und geparkten Fliegern auf eine große Wartungshalle zu. Ohne eine Miene zu verziehen und schweigend.

Ein leichter Regen setzt ein.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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