König, Dame, Bube – Arschloch – sechzehntes Kapitel

6. Tag, abends

Ich nahm eine Karte vom Stapel und drehte sie um. Eine Kreuz 2. Das passte. Ich legte die Kreuz 2 mit der Kreuz 3 und 4 ab und warf meine letzte Karte, eine Herz 7 auf den Tisch.

„Fertig!“

Kotzer und Gratzek addierten die Werte ihrer verbliebenen Karten, Kotzer schrieb die Punkte auf.

„Man könnte meinen, du hast deinen Lebensunterhalt nicht mit dem illegalen Verkauf von Glühbirnen verdient, sondern als professioneller Rommé-Spieler.“

Kotzer hatte mich überredet, gemeinsam mit Gratzek nach dem Abendessen eine Partie Rommé zu spielen, bis wir in unsere „Privaträume“ mussten. Mit Gratzek hatte ich seit unserer Einlieferung kein einziges Wort gesprochen. Er verhielt sich auch während des Spiels eher zurückhaltend, fast distanziert, hatte sich zwar kurz nach meinem Gesundheitszustand erkundigt, aber ansonsten kein Interesse an mir gezeigt. Er schien voll auf das Spiel konzentriert zu sein.

Während er die Karten mischte, sagte Kotzer:

„Kennt ihr den? Ein Pfarrer predigt am Sonntag von der Kanzel gegen das Kartenspielen: Es ist ein Jammer, wie viel kostbare Zeit bei diesem Laster vertan wird. Da ruft einer aus der letzten Bankreihe: Ja, besonders beim Mischen!“

Gratzek schüttelte den Kopf, ich versuchte ein Lächeln. Kotzer teilte die Karten aus. Ich sortierte mein Blatt und sah, dass mir nur eine Karte, eine Karo 8 oder ein Joker fehlte, um in einem Rutsch alle Karten auf den Tisch zu legen.

Unverschämtes Glück, dachte ich.

Gratzek nahm die erste Karte auf.

Er war ein lang aufgeschossener Typ, hager, auf dem Kopf ein paar schüttere graue Haare, aber mit jeder Menge Bartstoppeln im Gesicht, das von einem etwas zu großen schwarzen Brillengestell dominiert wurde. Er kratzte mit der linken Hand kurz auf seinem Schädel herum und legte dann drei Asse (Herz, Kreuz, Karo) auf den Tisch. Wir spielten eine Variante, bei der beim Herauskommen mindestens 50 Punkte nötig waren. Da fehlten also noch 17 Punkte.

Gratzek legte den Piek König auf den Tisch, dann die Dame und den Buben.

„König Arschloch, Dame Arschloch, Bube Arschloch!“ kommentierte Kotzer.

„Sehe ich genauso“, reagierte Gratzek.

Die drei Karten zeigten den Regierungschef, die Parteivorsitzende und den Fraktionsführer der PDKE als König, Dame und Bube, wie es bei den einzigen zugelassen Spielkartenausgaben mittlerweile üblich war. Auch bei Spielen sollten wir nicht vergessen, wer unser Leben bestimmte und unseren Alltag beglückte.

„Aber immerhin ist das Ass weiterhin 11 Punkte wert und damit einen Punkt mehr als diese Abziehbilder. Wundert mich, dass sie das noch nicht geändert haben“, meinte Gratzek.

„Und die Karten sind auch noch nicht aus recycelten Bio-Bade-Pantoletten hergestellt“, ergänzte Kotzer und fuhr fort:

„Sie denken eben nicht an alles. Und übersehen auch manches. Zum Beispiel, dass man aus alten Handys, die zum Recyceln aufbereitet werden sollen, nicht nur Gold, Palladium, Silber, Kobalt, Kupfer und ein paar andere Kleinigkeiten herauspulen kann, sondern dass man vielleicht auch aus 10 oder zwanzig solcher Dinger ein gebrauchsfähiges….“

„Du bist dran!“

Gratzek unterbrach ihn und warf eine Karo 8 ab, die Karte, die mir fehlte. Ich zögerte mit der Aufnahme der Karte. Die Sätze von Kotzer und Gratzek schossen mir durch den Kopf, blockierten meine Entschlusskraft. War das hier gar kein Kartenspiel, sondern nur die Camouflage für einen Test, wie ich einzuschätzen war, wie offen man mir gegenüber sein konnte. Mein Interesse war doch lediglich, nach ein paar Wochen der therapeutischen Anpassung auf Bewährung entlassen zu werden, um nicht im Knast zu landen. Dann wollte ich weiter sehen, was sich so ergab.

„Wie geht es weiter? Du bist am Zug!“ forderte mich Gratzek auf.

Ja, wie ging es jetzt weiter. Welchen Zug sollte ich machen? Sollte ich mich auf die Anmerkungen, Andeutungen und politischen Äußerungen der beiden einlassen oder einfach weiterspielen?

Gratzek zog ein Taschentuch heraus, nahm seine Brille ab, hauchte auf die Gläser und begann damit, sie mit dem Tuch abzureiben.

„Manchmal ist der klare Durchblick nicht so einfach. Ein kleines Staubkorn auf dem Brillenglas, und schon ist die Optik verwischt und die Wahrnehmung ist verzerrt. Und man sieht nicht, dass manches nicht so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.“

Gratzek setzte die Brille wieder auf und verstaute sein Taschentuch. Er war kein besonders guter Rommé-Spieler, aber ein Seminar für semantische Doppeldeutigkeiten hatte er offensichtlich erfolgreich abgeschlossen.

Ehrgart kam an unseren Tisch, er hatte noch seine Küchenschürze umgebunden und seine Kochmütze auf.

„Ah, der Tilman Riemenschneider der Gemüseschnitzkunst beehrt uns“, begrüßte ihn Gratzek.

Ehrgart stellte sich hinter mich und blickte unverfroren auf mein Blatt.

„Na, wie steht es um unseren Lampenmann? Ist ihm ein Licht aufgegangen?“

„Noch nicht“, antwortete ihm Kotzer.

„Dann soll er doch jetzt mal aus der Deckung kommen und seine Karten offen auf den Tisch legen“ forderte mich Ehrgart auf.

Er also auch. Vielleicht war er mit Gratzek gemeinsam in diesem Rhetorikseminar gewesen. Oder sein chinesischer Gemüsekunstmeister hatte ihm auch das Schnitzen von Worten beigebracht

Ich nahm die Karo 8 auf, legte meinen kompletten Kartensatz bis auf die letzte Karte, die ich zum Abwerfen brauchte, auf den Tisch. Es war der Regierungschef, der mich als Herz-König anlächelte, und für den ich keine Verwendung hatte. Ich hatte diese Visage noch nie gemocht, sie aber einfach ignoriert, so gut es immer ging. Aber jetzt ging es auf einmal irgendwie nicht mehr.

„König Arschloch“ sagte ich und warf die Karte auf den Tisch.

Ehrgart legte seine rechte Hand auf meine Schulter.

„Willkommen im Club“, sagte er.

„Willkommen im Club!“ kam von Gratzek.

Kotzer lachte.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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