Der Fisch am Haken – fünfzehntes Kapitel

6. Tag, nachmittags

„Ekelhaft“, „widerlich“, „wollt ihr uns umbringen“, „einfach nur zum Kotzen“: das waren so ziemlich die sanftesten Kommentare, mit denen die Roggenvollkornsticks an der Theke im Speisesaal abgeladen worden waren, wo sich die Teller mit den angebissenen Köstlichkeiten türmten und eine rat- und hilflose Küchenkraft in die Verzweiflung trieben.

 

Ehrgart sah mich verschmitzt an.

„Ich habe deinen Kommentar von neulich aufgegriffen und in einem unbeobachteten Moment eine ordentliche Extraportion Kümmel bei der Herstellung der Sticks beigemengt. Das Experiment scheint gelungen zu sein. Was ein paar zusätzliche Esslöffel dieses unschuldigen Gewürzes doch anrichten können.“

Die Küchenkraft war damit beschäftigt, die Reste dieses Experiments zu entsorgen, zog schließlich die Platte mit den Sticks aus der Bedientheke und verschwand damit im Küchenbereich. Wir hatten uns in eine Ecke des Speisesaals zurückgezogen.

„Was macht der Schädel?“

„Wird täglich besser. Das Druckgefühl ist weg, die Narbe juckt ab und zu, Kopfschmerzen habe ich überhaupt nicht mehr. Und in zwei Stunden kann ich den kleinen Apparat hier abnehmen. Morgen früh werden die Daten ausgelesen, mal sehen, ob sich etwas zeigt.“

Ich klopfte mit dem rechten Zeigefinger auf das EKG-Gerät an meinem Körper.

„Ungenau“, sagte Ehrgart.

„Die Daten sind ungenau?“

War Ehrgart auch noch Experte für mobile EKG-Messgeräte?

Er schmunzelte.

„Die Daten werden nicht einfach so ausgelesen, sondern sie werden von Frau Dr. ausgelesen, nicht wahr? Es soll ja, so hört man, zu intensiven Reanimationshandlungen gekommen sein, noch dazu an einem Kandidaten, der, so hört man ebenfalls, hier ohne Unterwäsche rumläuft.“spion

Sein Schmunzeln ging in ein breites Grinsen über.

„Oder besser: ohne diese wunderbare, hautfreundliche, gerade zu himmlisch angenehme, vor allem aber ökologisch und politische voll korrekte, kurz: beschissene Kratzgarnitur herumgelaufen ist, jetzt aber so ganz und gar profane, aus Baumwolle hergestellte…..“

„Ja, ja, ist ja schon gut“, fuhr ich dazwischen und fragte:

„Woher weißt du das?“

„Ach, eine Küche ist so etwas wie eine Nachrichtenzentrale, wenn man dort arbeitet oder an der Theke das Essen ausgibt, dann flattern die Informationen nur so herum wie Schmetterlinge beim Paarungstanz.

Auf einer Pritsche liegt eine nicht verwendete Wäschegarnitur aus dieser Schafspelzwolle, der Reinigungsdienst, der das Besprechungszimmer der Ärztin gesäubert hat, schnappt etwas auf, der Mann vom Warenlager bekommt das Anforderungsformular für eine Garnitur Baumwollunterwäsche, unterschrieben von einer bestimmten Ärztin, ein anderer sieht, wie ein Päckchen mit einer Schleife in eine bestimmte Zelle gebracht wird, ein Mann, der einem gegenübersitzt, fuhrwerkt sich nicht mehr andauend mit den Fingern am Körper herum, wohl deshalb, weil das Jucken aufgehört hat.“

„Ich wusste gar nicht, dass diese Anstalt eigentlich eine Tratschbude ist und die Männer hier ein Kaffekränzchen, zu dem du die Kuchen und das Gebäck beisteuerst.“

„Und manchmal auch Kümmelgebäck! Bleib locker, Junge. Und genieße dein Unterwäscheprivileg.“

Beim letzten Satz senkte Ehrgart seine Lautstärke etwas ab. Er rückte näher an den Tisch heran, grabbelte sich einen der Sesamtaler von seinem Teller, biss hinein und sagte, jetzt fast flüsternd:

„Vielleicht hast du bei Frau Dr. ein Stein im Brett – und das kann noch nützlich sein. Vielleicht für uns alle!“

„Wie meinst du das?“

„Immerhin gehört sie zum erweiterten Leitungsteam der Anstalt. Qualle legt auf ihr Urteil großen Wert, er folgt nahezu immer ihren Einschätzungen, was einzelne …Kunden angeht. Und sie kann Einfluss darauf nehmen, innerhalb bestimmter Grenzen natürlich, was hier im Alltag so passiert oder nicht. Interpretation des Regelwerks aus medizinischer Sicht, du verstehst. Und wenn dann jemand ihr das eine oder andere einflüstert, mit freundlichen Worten garniert, verbalen blass-blauen Schleifen sozusagen, dann…“

Ich passte mich seiner Lautstärke an, als ich sagte:

„Und dieser jemand soll ich sein?“

„Sozusagen als unser Unterwäsche-James-Bond!“

„Du tickst doch nicht richtig!“

„Einen Versuch wäre es doch wert, nicht wahr? Oder hättest du Skrupel, weil du für sie….“

Er nahm sich einen zweiten Taler, kaute darauf herum und ließ seinen unvollendeten Satz wirken. Ganz offensichtlich konnte Ehrgart nicht nur in Kochtöpfe schauen, sondern anderen Menschen auch in die Köpfe. Oder er hatte mich einfach deshalb punktgenau getroffen, weil sich meine Wangen während des Wortwechsels gerötet hatten und meine Temperatur leicht angestiegen war. Jedenfalls hatte er mich am Haken.

„Touché!“ sagte er und lachte leise in sich hinein, um dann zu fragen:

„Was willst du eigentlich mit mir bereden? Doch bestimmt keine Beschwerde über diese Taler, die übrigens reich an Ballaststoffen sind, damit die Verdauung auch Beschäftigung hat.“

Ich entschloss mich aus der Deckung zu gehen, wenn ich sowieso schon an seinem Haken zappelte.

„Ja, ja, die Wäsche ist von ihr, aber über die Reanimation weiß ich nichts, ich war doch komplett weggetreten. Und jetzt will ich mich bedanken, und ich dachte, du könntest, so als kleines Präsent, weil deine Schnitzereien solchen Anklang gefunden haben, also, da dachte ich eben, vielleicht wäre es ganz nett, wenn du für sie, also für mich, so ein kleines, also, so als Überraschungsgeschenk, du verstehst, wenn ich zu ihr gehe, damit sie die Daten aus dem Apparat…“.

Mein Gott, war ich vollends bescheuert geworden? Was stammelte ich mir hier zusammen? Waren einige Teile meines Gehirns unwiederbringlich ausgeschaltet, vielleicht doch durch die Matratzen-Aliens oder durch das Gequatsche von Clemens? Fehlte nur noch, dass ich mir in die Hose machte!

Ehrgart ließ mich vom Haken.

„Kurz und gut: ein kleines Schnitzkunstwerk, schön verpackt, als Überraschung und Dankeschön für die liebenswürdige Wiederbelebung. Geht klar! Morgen nach dem Frühstück holst du es dir ab. Und dann sehen wir mal weiter. Eine Gegenleistung ist aber fällig!“

„Als Unterwäsche-Agent?“

„Nein, als Bibliothekar. Du stellst mir eine Reihe von Büchern zusammen. Bände mit Abbildungen von Kunstwerken, dazu ein paar literarische Klassiker.“

„Was willst du damit?“

„Was macht man schon mit Büchern? Lesen, nur darin blättern? Vielleicht auch eine Überraschung! Jetzt muss ich aber an die Kochtöpfe zurück. Schließlich wollt ihr Banausen heute Abend was in den Suppenschüsseln haben. Und dann muss ich auch noch was Spezielles schnitzen – für eine gewisse Person.“

Er stand auf, nahm seinen Teller und wandte sich der Küche zu.

„Noch eine ganz persönliche Frage: Wie findest du sie eigentlich?“

Ehrgart drehte sich um, setzte wieder sein Grinsen auf und sagte:

„Über die Ärztin maße ich mir kein Urteil an – noch nicht. Über die Frau: Wenn man auf Asymmetrien steht, sieht sie großartig aus!“

Er ging.

Heute, 18.20 Uhr

pig is comin homeEs kann nicht mehr lange bis zur Landung dauern. Das Flugzeug hat seine Reisehöhe verlassen. Gelegentlich sackt es ab, als wenn es über riesige Stufen in der Luft einen sanften Schritt tut.

Es ist Zeit zu telefonieren. Ich drücke mich gegen die Wand des Fahrwerkschachts, fische das Mobil-Telefon aus der Jacke und tippe die Nummer ein, die ich von Ehrgart bekommen habe. Nach dem fünften Klingelzeichen höre ich ein

„Yes, please!“

„A pig is comin´ home.”

„Stay at your place. Keep calm, whatever happens. I´ll give you a pick-up.”

Die Verbindung ist beendet.

Der Fahrwerkschacht öffnet sich. Ich stecke das Telefon wieder in die Tasche, halte mich mit beiden Händen an dem dicken Kabelstrang fest, als die einströmende Luft beginnt, wie eine gewaltige Faust auf mich einzuschlagen. Dann setzt sich das Fahrwerk unter leichtem Zischen der Hydraulik in Bewegung. Die Zwillingsreifen werden ausgefahren, kleine Bilderfetzen rauschen unter der Öffnung des Schachtes vorbei, verdichten sich allmählich zu erkennbaren Konturen von Häusern und Straßen, bis sie in eine Kette von Leuchtsignalen übergehen. Die Landebahn. Der Asphalt schimmert erst bläulich, wechselt in ein Grau, das mit weißen Markierungen gekennzeichnet ist. Ich spanne meine Kräfte bis zum Äußersten an, als die Maschine aufsetzt und der Umkehrschub ihr die Geschwindigkeit nimmt. Schließlich macht das Flugzeug einen leichten Rechtsschwenk, wird immer langsamer, rollt aus, kommt zum Stehen.

Ich habe das Gefühl, in einer Badewanne voller Schweiß zu sitzen. Ich lasse den Kabelstrang los, schlenkere meine Arme aus, entspanne meine Beine, in denen sich ein Muskelkrampf ausgedehnt hat.

In meinem Kopf höre ich die fremde Stimme wieder:

„Stay at your place. Keep calm, whatever happens. I´ll give you a pick-up.”

Ich warte.{jcomments on}

Noch keine Stimmen.
Bitte warten...
Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.