Kugelschreiber – zehntes Kapitel

3. Tag, abends

Er hatte zwei Kugelschreiber in der linken Brusttasche seines Kittels. Das war gut. Je weniger Kugelschreiber ein Krankenhausarzt in der Brusttasche hat, desto höher steht er in der Hierarchie der Abteilung. Ärzte mit ganz vielen Kugelschreibern in der Brusttasche sind Anfänger mit wenig Erfahrung. Wenn sie noch dazu ein Klemmbrett für Notizen mit sich führen, dann sind sie meistens nur Praktikanten, Studenten im fünften oder sechsten Semester. Von denen sollte man sich lieber gar nicht erst untersuchen lassen.

Ärzte mit einem Kugelschreiber sind Leitende Oberärzte. Am besten der Arzt hat gar keinen Kugelschreiber in der Kitteltasche, dann ist er mit Sicherheit Chef der Abteilung und Professor oder Privatdozent.

Der Arzt der zur Tür hereinkam, hatte jedenfalls nur zwei Kugelschreiber im Kittel. Wahrscheinlich also ein Oberarzt. Er stellte sich ans Fußende des Bettes, musterte mich und legte eine dünne Aktenmappe auf das Tischchen neben meinem Bett.

„Wie geht es uns?“

Wie es uns ging, wusste ich nicht, sagte aber dennoch: „Geht!“

Dr. Hagen von Hiesfeld. Oberarzt.

Stand auf dem kleinen weißen Schildchen, das oberhalb der beiden Kugelschreiber angebracht war. Und daneben prangte ein Parteiabzeichen. Ein runder roter Button mit einem schwarzen K und einer hochgestellten 3 und mit einem Goldrand, der signalisierte, dass er ein Parteimitglied der ersten Stunde war. Jetzt wäre mir ein Arzt mit vier Kugelschreibern, aber ohne dieses Zeichen lieber gewesen. Gut, dass er nicht auch noch Hagen von Tronje hieß und eine schwarze Augenklappe trug.

„Sie haben sehr viel Glück gehabt, Herr Schlehmann, sehr viel Glück. Sie können sich bei meiner Kollegin Dr. Sauber bedanken, dass alles letztlich recht glimpflich für Sie abgelaufen ist. Sie hat kompetent und effizient reagiert.“

Seine Stimme klang angenehm und warmherzig und seine Augen sahen mich durch die randlose Brille freundlich an, so als sei er über meine Rettung mächtig froh. Fehlte nur noch, dass er meine Hand nahm und mich vor Freude über mein Überleben küsste.

Aber warum musste er sie überhaupt erwähnen? Wollte er, dass ich gleich wieder kollabierte? Kompetent und effizient reagiert. Wie denn wohl? Konnte es sein, dass ich eine effiziente und kompetente Mund-zu-Mund-Beatmung durch sie wirklich vergessen hatte?

„Wir haben einen etwa 10 mal 4 cm großen Hautlappen genäht, der sich, durch den Sturz und das Aufschlagen auf der Schreibtischkante bedingt, gelöst hatte. Die Operation ist ohne Komplikationen verlaufen, die Wunde wird Ihnen keine weiteren Probleme bereiten. Der Druck, den sie im Kopf noch spüren, ist Folge eines Schädel-Hirn-Traumas. Kurz und einfach gesagt: Sie merken noch die Nachwirkungen einer Gehirnerschütterung. Doch auch das macht uns keine Sorgen.“

Der Siegfried-Töter griff zur Aktenmappe, blätterte darin und hielt dann inne.

Was machte ihnen denn Sorgen? Und wer waren außer ihm die anderen, die sich Sorgen machten? Und was kam jetzt? Ein Vortrag über die Missachtung der Anstaltsregeln zum Tragen ökologisch korrekter Unterwäsche und die Folgen, die daraus erwuchsen? Vielleicht war meine Bewährungszeit wegen des Regelverstoßes bereits gestrichen und ich musste nach der Entlassung aus dem Krankenhaus meine Strafe antreten, weil ich als nicht therapierbar eingestuft wurde?

„Was uns Sorgen macht, ist der Umstand, dass wir die Ursache für Ihre Ohnmacht und Ihren Sturz noch nicht gefunden haben. Wir haben Sie gründlich untersucht und nichts gefunden, alle Werte, die wir ermittelt haben, waren im Normbereich, keine großen Auffälligkeiten.“

Er nestelte einen Papierstreifen aus der Mappe, faltete ihn auseinander und betrachtete ihn eine Weile.

„Auch Ihr EKG zeigt keine Besonderheiten. Unsere Vermutung ist aber dennoch, dass in Ihrem Herzrhythmus vielleicht die Ursachen zu finden sind.“

Ja, klar, das hätte ich auch diagnostizieren können. Wahrscheinlich litt ich einfach unter einer neuen Krankheit, dem Dr. Sauber-Syndrom, einer Krankheit, die nur bei mir und immer nur bei Anwesenheit dieser Ärztin auftrat und mit einem punktuellen, aber stetigen Absinken der Herzfrequenz verbunden war. Dass diese Krankheit weder im Blut nachzuweisen war noch in den Messdaten eines EKGs, lag doch auf der Hand. Vielleicht kam es aber noch soweit, dass meine Krankheit für eine Fußnote in der Medizingeschichte reichte.

„Wir werden Sie noch ein wenig unter Beobachtung halten. Sollte Ihr Zustand weiterhin stabil bleiben, haben wir keine Bedenken, Sie übermorgen nach dem Frühstück wieder ins Therapiezentrum überführen zu lassen. Wir werden Sie allerdings mit einem portablen EKG-Gerät ausstatten, dass 24 Stunden lang Ihre Herzdaten aufzeichnet, die dann von Frau Dr. Sauber ausgewertet werden.“

Na wunderbar! Da konnte ich mich schon mal geistig auf die nächste Attacke vorbereiten, wenn sie mir das Gerät abnahm, um die Daten auszulesen. Vielleicht gelang es mir aber dabei, nicht auf eine Tischkante zu stürzen, sondern in Richtung ihrer Arme. Das würde den Schmerz doch deutlich versüßen!

„Wenn Sie keine Fragen haben, wäre das zunächst mal alles!“

Ich hatte keine Fragen.

„Na dann, alles Gute für Sie!“

Er verstaute den EKG-Streifen in der Dokumentenmappe und ging zur Tür. Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um.

„Ich vertrage diese Unterwäsche übrigens auch nicht!“

Die Tür schloss sich hinter ihm.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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