Über Raumforderungen und langweilige Operationen

Manchmal verhaken sich Begriffe irgendwo im (passiven) Sprachschatz, werden an einer so gut wie nie in Gebrauch genommenen Stelle abgespeichert, um dann doch irgendwann wieder nach oben gespült zu werden.

 

Bei mir war das so mit dem Begriff der „Raumforderung“. Ich hatte den Begriff abgespeichert – vor ungefähr einem halben Jahr, etwa Mitte 2013, aber seither nicht verwendet oder gehört. Er schlummerte, gleichsam in einen Kokon gehüllt, weit unterhalb meines täglichen Sprachgebrauchs, abgelegt in einem Seitenstollen des Sprachzentrums.

Und dann war er auf einmal präsent, nämlich als bei mir im Dezember 2013 eine „Raumforderung“ an der rechten Niere festgestellt wurde. Mir fiel dann auch wieder ein, wo er mir begegnet war. In einem radiologischen Befund, den meine Mutter erhalten hatte: „Leicht größenasymmetrische Darstellung beider Mammae bei etwas kleinerer Darstellung der rechtsseitigen Mamma, bedingt durch einen ausgedehnten raumfordernden Prozess bei einem Herdbefund mit einem Durchmesser von mehr als 4,5 cm mit radiären Ausläufern zu allen Seiten.“

Ein raumfordernder Prozess, eine Raumforderung. Wer fordert da einen Raum, und welcher Prozess – also welche Entwicklungsdynamik – läuft da ab?

Saubere technische Begriffe, die verhüllen, was sie bedeuten bzw. – vielleicht – im Bewusstsein des von der „Raumforderung“ Betroffenen auslösen, nämlich die Assoziationskette: Tumor-Krebs-Tod. Aber diese Gedankenkette soll möglichst vermieden werden. Schon allein deshalb, weil die Medizin ein ganzes Arsenal an Eingriffsmöglichkeiten bereit hält mit mehr oder weniger großen Aussichten auf Erfolg (bei meinem Tumor der Klasse 1 liegt das 5-Jahres-Rating statistisch bei 80%, heißt: 80% der Behandelten überleben die ersten fünf Jahre nach der Operation).

Saubere Begriffe – saubere Aussichten. Wie anders noch bei dem Mediziner Gottfried Benn in der zweiten Dekade des vorigen Jahrhunderts:

„Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern.

Kein Mensch hat so viel Blut.

Hier dieser schnitt man

Erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.“

(Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke)

Oder auch:

„ (…)mit vierzig fängt die Blase an zu laufen – : Meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde Von Sonne bis zum Mond – ? Was kläfft ihr denn? Ihr sprecht von Seele – was ist eure Seele? Verkackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett – Schmiert sich der Greis die mürben Schenkel zu, und ihr reicht Fraß, es in den Darm zu lümmeln, meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück…?“

(Der Arzt)

In den rund hundert Jahren seit Benns Aufsehen erregendem und Empörung weckendem Gedichtzyklus „Morgue“ (=Leichenschauhaus) hat die Medizin riesige Fortschritte gemacht- aber alle Fortschritte sind ja auch ein Fortschreiten von etwas, vielleicht auch von der von Benn in drastischer Sprache ausgedrückten Erkenntnis, dass der Mensch, zu seinem Ende hin, seiner rein stofflichen Existenz anheimfällt und auf sie reduziert ist.

„Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.

Fleisch ebnet sich zu Land.

Glut gibt sich fort.

Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft.“

(Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke)

Die moderne Medizin aber macht uns glauben (will uns glauben machen), dieser Bestimmung entgehen zu können. Vielleicht nicht ganz- aber doch eine ganze Weile länger als zu den Zeiten Benns. Deshalb sind die Krankheitsareale heikel, bei denen die Medizin eingestehen muss, den Kampf immer wieder zu verlieren. Und der Krebs – besser: bestimmte Krebsformen (etwa Bauspeicheldrüsenkrebs) gehören zu den Arealen, wo der Kampf auf dem Gefechtsfeld zwischen Tumor und Medizin eher zu Gunsten des Ersten ausfällt.

Umso mehr, dies meine Überlegung, scheint es angezeigt zu sein, die Möglichkeit der medizinischen Niederlage sprachlich zu verpacken, sie in einen Kokon einzuwickeln. Kein Tumor, kein Krebs: eine Raumforderung. Und wie das bei jeder Forderung so ist: man muss ihr nicht stattgeben.

Habe ich nach einigen Überlegungen auch nicht getan und mich der Kunst und dem Geschick der Chirurgen anvertraut, die der Raumforderung mit ihren Instrumenten entgegengetreten sind.

Einer der Operateure meinte zu mir vor meiner Entlassung: „Ihre Operation war langweilig.“ Ich vermute einmal, dass er sagen wollte, dass die Operation ohne Komplikationen verlaufen ist. Und hoffe zugleich, dass der gute Mann nicht irgendwas bei mir im Unterleib vergessen hat – vor lauter Langeweile. {jcomments on}

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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