aus der zeit – urlaub

das vorab: ich bin nicht der sonnentyp, der erst ab 30 grad wach wird. und ich bin erst recht kein strand-typ. dass ich mich mal wieder in einen landstrich begeben habe (insel pag in dalmatien), an dem täglich die 30-grad-marke locker übersprungen wird (rauf bis auf 40 grad) und urlaub – städtebesuche ausgenommen – überwiegend strandurlaub ist, ist lediglich familiären umständen geschuldet.

was für mich urlaub ausmacht, ist der völlig andere lebensrhythmus als der heimische, von dem man schon nach ein paar tagen wie von einem virus infiziert wird. das beginnt damit, dass man sich am morgen, nach dem kauf von brötchen und brot, erst einmal ins café (natürlich draußen)begibt und den ersten cappucino des tages schlürft.

und noch einen zweiten vielleicht obendrauf.

der tag beginnt also mit sanftem geplauder, dem aufnehmen des stimmengewirrs, dem schauen auf das ständige kommen und gehen oder die alten (häufig nur unzureichend zahnbewehrten) frauen, die obst und gemüse an improvisierten ständen feilbieten. die zeit plätschert so dahin. nach zwei tagen habe ich bereits meine armbanduhr nicht mehr umgebunden, weil ich das gefühl hatte, sie nicht mehr zu brauchen. zur mittagszeit, wenn die temperatur sich richtig hochgeschraubt hat, verlassen die meisten menschen nicht nur den strand, auch die fünf cafés um den dorfplatz sind verwaist.

man hält sich im schatten der gärten oder- wie ich- im wind der klimaanlage auf, döst vor sich hin und lässt die klebrig wirkende zeit an sich vorüber ziehen.

Irgendwo Nirgendwo Mittags - Foto Heinz Niskiam nachmittag begann dann „meine urlaubszeit“. während die restlichen familienmitglieder sich erneut an den strand begaben, setzte ich mich, mit dem spiegel und einer faz bewaffnet (die süddeutsche gab es leider nicht), in mein lieblingscafé, und hatte muße zu lesen. etwas, zu dem ich in meinem alltagsfamilienrhythmus, kaum einmal komme. jedenfalls nicht in der ausführlichkeit , in der es mir nun möglich war. ich hatte das gefühl, die macher der zeitung wirklich würdigen zu können, weil ich nun auch nachrichten und artikel lesen konnte, für die ich im alltagsgeschäft weder zeit noch interesse habe. und auf einmal entdeckt man interessantes auf den seiten wissenschaft und technik, natur, mobiles leben, auto oder reise. selbst über kleine oder kleinste meldungen geht man nicht einfach weg, weil man ja zeit hat, die zeitung „auszulesen“.

entscheidend ist aber etwas anderes: man liest ja alles mit einem tag verzögerung, und man liest folglich im bewußtsein, das das, was beim erscheinen der zeitung in deutschland tagesfrisch war, nun schon schnee von gestern ist. das führt zu einer gewissen gelassenheit, zu einem nicht nur zeitlichen, sondern auch gedanklichen abstand zu den aufgeregtheiten der politik, den sensationen und tragödien des sports (olympische spiele!) und den aktuellen ausschlägen der ökonomie (euro-krise). die äußere temperatur mag sich also noch so hoch schrauben, die innere bleibt auf einem mittelmaß.

die gesamte netzwelt habe ich drei wochen lang sowieso hinter mir gelassen – nur einmal habe ich für zehn minuten, meinem sohn zuliebe, gemeinsam mit ihm auf der schalke-hompage geblättert. auch der herrkules war mir drei wochen lang schnuppe. und abgesehen von insgesamt fünf telefonaten (mit mutter und großen kindern)war ich abgeschnitten von der heimat.

warum sich dieser rhythmus kaum mitnehmen lässt aus dem urlaub? natürlich, die arbeit beginnt wieder. aber das kann nicht der einzige grund sein. vielleicht, weil man hier wieder dinge wichtig zu nehmen beginnt, die es drei wochen nicht waren. aber es wäre schon zuwachs an lebensqualität, wenn man ab und zu auch hier aus der zeit fallen könnte.oder?{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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