Von einem der auszog Stadtplanung zu verstehen

 

15.Februar 2012

Sprache entlarvt. Wenn kommunale Entscheidungsträger einen Platz plötzlich „Freifläche“ nennen, weiß man, wohin der Wind wehen soll. So geschehen mit dem traditionsreichen, seit längerem vor sich hin siechenden und zum Autoabstellgebiet verwahrlosten Ex Hauptmarktplatz in der Gelsenkirchener Altstadt.

Einem Platz, der weder Sozialdemokraten noch Falken zu schade war, ihn zu Ehren der sozialdemokratischen Stadtverordneten und von den Nazis verfolgten Margarethe Zingler zu benennen.

Nun also Margarethe-Zingler-Freifläche, der man ab April 2012 Zweidrittel abknappsen wird, um darauf ein architektonisches Irgendetwas zwischen Bau- und Parkhaus mit Trutzklinker zu platzieren.

140 Bürgerversammelte werden in der Aula der Volkshochschule mit Power-Point bespielt. Grasdächer, Baumalleen, Solarzellen streicheln die Seele, Energieeffizienz-Datenhäppchen hofieren den Verstand, die phantastisch günstige Miete schmeichelt dem Schnäppchenjäger-Reflex, als extra-benefit belohnt barrierefreies Wohnen das soziale Gewissen.

Meine Frage an den Architekten Dr. Schramm nach einem stadtplanerischen Gesamtkonzept oder  Alternativplänen zur Bebauung wird durchgereicht an den Stadtumbaurat von der Mühlen. Den Gebäudeklon langatmig zu erklären statt Grundsatzfragen zu ventilieren erweist sich Dr. Schramm allerdings als zuständiger.  Herr von der Mühlen lächelt mich an die Wand und erklärt knapp, dass man im Jahr 2000 einen Workshop abgehalten hätte, auf dem Alternativen besprochen worden wären. Genaues könne er nicht sagen, aber ich könnte die Protokolle bekommen….. Immerhin erklärt er mir, dass man eine von Gebäuden umbaute Freifläche, also den Margarethe-Zingler- „Platz“, erst durch Wegnahme der freien Fläche zum Platz (!) machen würde.

Die nächste Frage bitte.

Nicht logisch. Aber sein professionell gelächelter Überzeugungsdruck rollt mir ein „Alles zum Wohle Aller“ und „mein Plan ist alternativlos“ über meine Skepsis.

Ich schäme mich, ein Bedenkenträger zu sein.

Der SPD-Stadtverordnete und auch Architekt Albert Ude hält im Namen seiner Wähler eine Fensterrede. Sie belehrt die anwesenden Bürger und Anderswähler darüber, dass es wegen der „Freifläche“ ganz sicher kein zweites Stuttgart 21 geben würde. Der Plan sei gut, so wie er sei. Denn so wie er sei, sei der Plan gut – was auch seine Wähler so sehen würden. Ich warte auf ein „… eben alternativlos!“ Stattdessen gibt es Geplänkel darüber, ob die schwäbelnden AUF-Anwesenden (ein Wahlbündnis mit Nähe zu den Berufsrevolutionären der MLPD), bürgernäher seien, als die wieder mal Mehrheitsfraktion der SPD. Wer jetzt noch Grundsatzfragen stellt, wäre auch ohne schwäbische Mundart ein Miesmacher.

Die anwesenden Bürger haben verstanden. Sie wenden sich den wichtigen Parkplatzfragen zu. Dagegen sind Frischluftschneisen, Grünzonen, öffentlicher Raum zum Verweilen, freier Blick, Ruhe- und Festplatz, fußverkehrsgerechtes Einfallstor zur Innenstadt, Arkaden, Springbrunnen, Pavillons, die Poesie von primarkfreier Begegnung – alles von Verarmten verpönter Luxus. Erst recht, wenn zuvor kreative Ideen für den ruhenden Verkehr gefordert waren. Herr von der Mühlen erklärt, wie man, aufbauend auf die Magnetkraft dieses Bauwerks, Zuversicht schafft. Eine Stadt, in der nicht gebaut würde, wäre tot. Bauen hätte Magnetwirkung und wecke bei Anliegern den Nachahmungstrieb. Dies strahle in alle Seitenstraßen aus und habe eine belebende und inspirierende Wirkung.

 

Mag man glauben, dass sich Elend so in blühende Landschaften verwandeln ließe!?

Mögen die blinden Schaufenster der Hauptstraße wieder sehend werden, die Plastik-Schweine, -Schafe und -Hirsche der Auslagen irgendetwas Phantasievollerem weichen! Und bitte: nie wieder Toilettenpapierpaletten als Schnäppchenwegelagerer-Barrikade auf die Straße stellen!

Danke.

Wäre da nicht der Platz, der dann unwiderruflich weg wäre.

Was sollte da nicht schon alles entstehen: mal ein Mulitiplex-Kino den verdrängen, mal ein Ärztehaus hin, mal ein Rathaus und nun soll es also ein Supermarkt-Tiefgaragen-Kombinat mit Seniorenwohnungen und Pflegedienstleistungen sein.  Einen Plan erkenne ich da nicht. Die Gelsenkirchener Investorengruppe DSW wird nach einigen vergeblichen Anläufen nach der Buerschen Domplatte nun auch die Gelsenkirchener Altstadt dank staatlicher Zuschüsse mit ihrem Projekt Tiefgarage-Supermarkt-Seniorenwohnungen beglücken. Einen Steinwurf weiter, zwischen Kurt-Schumacher-Straße und Georgskirche wäre Platz genug für dieses Projekt, ohne dass wertvolle Fläche verschenkt würde. Aber wer weiß, wofür diese Freifläche vielleicht schon verplant ist.

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Heinz Niski

Handwerker, Rentner,

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