Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Heinz Niski:  Neben dem betrachten der »Anderen«, der unfassbaren Exzesse der Killing Fields, der Schlächterei in Ruanda, haben wir in jüngster Zeit wieder einiges vor der eigenen Haustür zu kehren. Vom Gründungsmythos »Antifaschistischer Staat« führt ein direkter Weg zu den in die Landtage der neuen Bundesländer gewählten Nazis, zu so genannten »befreiten Gebieten«, zu den Morden an Zuwanderern. Floskeln und erstarrte Rituale sind selten nützliche Werkzeuge, um der Bestie in uns kulturelle Grenzen zu setzen. Der negative Gründungsmythos West, befreite Völkerschlächter zu sein, wurde sicherlich nur geschluckt, weil Wirtschaftswunder und D-Mark die bittere Pille versüßten. Ich kann nicht erkennen, dass Zuwanderer bereit wären, diese Identitäten für sich zu übernehmen. Im Gegenteil, unsere Verhandel- Kompromiss- und Versöhnungskultur scheint mir in Konkurrenz zu einer Rache- und Kompensationskultur getreten zu sein.

Reimar Menne: »wie dünn die Schicht der Zivilisation auf demMenschen ist« wäre auch meine Frage, und zum Thema: wie sehr helfen uns Trauer und Gedenken, diese und – in Zukunft noch wichtiger – die darunter liegenden Kräfte/Schichten zu studieren. Wegen der blockierenden Wirkung von Projektionen (eine der Hauptfunktionen von Gedenktagen, aber nicht die einzige) auf das Denken ist das am ehesten auf dem Weg der Selbsterkenntnis zu leisten: Etwas für den meditativen inneren Raum, wohl höchst selten – in der Kunst? – etwas für die Öffentlichkeit. Die Formen des Gedenkens entwickeln sich aus meiner Sicht zwischen Agitation und Reflexion, so dass es ein Thema für die Kritik bleibt, das jeweilige Ereignis einzuordnen, vielleicht im Hinblick auf seinen Nutzen für die Selbsterkenntnis, die sich an der Frage entwickeln kann: kann ich mir vorstellen Opfer zu sein? (Lektüre von Primo Lewi, Viktor Frankl, Imre Kertesz, Filme wie Holokaust oder Schindlers Liste, Museumsbesuch, Denkmalbetrachtung), oder kann ich mir vorstellen, Täter zu werden oder unter anderen Umständen geworden zu sein, (Prozessprotokolle, Nazi-Argumente, eigene ungelöste Hassgefühle…?) Primäre Skepsis habe ich bei Aktionsvorstellungen, die den Betrachter zwingen wollen, Anstoß zu nehmen, etwas zu begreifen, sich in Beziehung zu setzen: Ich-Stärke hilft erkennen; wenn sie so entsteht, dann meinetwegen. Ich-Schwäche, auch aus unerträglicher Scham, ist eher (Selbst-)erkenntnisfeindlich, macht rationalisierende Argumente, aber keine Einsicht.

»Ich glaube, in den Schrecken des Dritten Reichs ein einzigartiges, exemplarisches, symbolisches Geschehen zu erkennen, dessen Bedeutung allerdings noch nicht erhellt wurde: Die Vorankündigung einer noch größeren Katastrophe, die über der ganzen Menschheit schwebt und nur dann abgewendet werden kann, wenn wir alle es wirklich fertigbringen, Vergangenes zu begreifen, Drohendes zu bannen.« Primo Lewi

Heinz Niski:  Das Projekt »Aufklärung« ist in der Defensive, Guantanamo und Menschenrechte gehen nicht zusammen, der Kapitalismus bleibt trotz «Adbusters & Occupy Wall Street” entfesselt, der arabische Frühling installiert eher neue repressive Strukturen, Fundamentalisten aller Art machen sich breit – rationalisierende Argumente sind in der Welt offensichtlich chancenlos. Helfen irrationale Rituale der Ich-Stärkung und führen zur Mündigkeit des Menschens? Betroffenheitskerzenlichter gegen Barbarei?

Reimar Menne: Rituale helfen dann der Ich-Stärkung, wenn das Ich es will: Erinnern und sich des Erinnerns bewusst werden, seiner Lücken, seiner Schmerzhaftigkeit, der Prägung des eigenen Denkens durch die Taten und Leiden derer, derer gedacht wird, durch die Taten und Leiden derer, derer nicht gedacht wird. So gefährdet wie alles Denken durch Opportunismus, Angst, Selbstüberhöhung. Ich für mein Teil muss nicht die etablierten Rituale wegen dieser Schwächen kritisieren, sondern den Blick darauf richten, wo es gelingt: Konkretes erInnern, geDenken, Zeichen setzen……

Chajm Guski: … diese Kerzen sollen doch offensichtlich etwas ausdrücken: »Wir sind dagegen« und das ist aber nur die erste Stufe, bevor etwas konkretes passieren müsste. Es reicht nicht aus, etwas zu bedauern, was geändert werden könnte. Das Bedauern der deutschen Verbrechen durch die Alliierten hätte nicht ausgereicht. Erst konkrete Handlungen haben letztendlich zur Befreiung geführt.

Reimar Menne: Ist nicht Aufklärung immer schon Defensive, heute wie zu Kants Zeiten Teil einer Defensive des freien Denkens, aber heute doch auch etwas desillusioniert über die Reichweite dieses Aufklärens: Haben die Aufklärer nicht vielleicht beigetragen zu den Mythen, an denen heute die Entwicklung der Freiheit hängen bleibt? Der Müller von Sansouci steht für ein bürgerliches Privateigentum als Schutz gegen adelige Anmaßung, seine logische Steigerung ist der absolute Eigentumsbegriff heute (ohne soziale Bindung, die ja im neoliberalen Wortsinn unfrei macht) für einen privilegierten Bankenverkehr des ungehemmten Konkurrierens, die Gleichheit ist unter die Räder der Angst vor zuviel Gleichmacherei gekommen und wird je nach Bedarf als gleiches Recht auf Selbstverwirklichung, auf Steuerbetrug, auf Umweltverbrauch etc dekliniert, Wissenschaft beansprucht in völliger Hybris letztgültige Modelle zur Erklärung des Geistes. Ich sehe nicht das Gefährliche am Irrationalen, es umgibt uns allerorten und ist nicht Monopol von Fundamentalisten, obwohl es natürlich auch mit destruktiven Mächten verbunden ist. Ich nehme eher an, dass aufklärerischer Impuls heute eine gewisse Verwandlung braucht, und dass diese auch auf dem Wege ist: Die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konkretisieren und neu justieren – Wo und wie können diese Grundsätze ihre Wirkung am besten entfalten? Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, unabhängiger von staatlicher Reglementierung? Menschenrechte gehen trotz Guantanamo, trotz Repression in Agypten und Syrien, Rituale sind nicht notwendig irrational!

Peter Rose:  Ich sehe eine immer vielstimmiger werdende geschwätzige »Sprachverwirrung«, die sich in Begriffen wie »Erinnerungskulturen« und »Geschichtspolitik« breit gemacht hat. Ebenso nehmen in der Öffentlichkeit Aktionen zu, in denen Trauern und Gedenken demonstrativ zur Schau gestellt werden. Sollten wir glauben, damit unsere Pflicht gegenüber der Shoah und ihren Opfern »erfüllt« und »alles im Griff« zu haben, weil der Holocaust inzwischen auch historisch »eingeordnet« ist und schließlich die Zeit schon die Wunden heilen wird, geraten wir auf einen gefährlichen Irrweg. Denn die Wunde der Shoah schwärt weiter. Damit müssen wir leben, aber das können wir nur, wenn wir bereit sind zu lernen, was der »im Namen des deutschen Volkes« von der Nazi-Diktatur begangene millionenfache »Völkermord« in einem »Jahrdutzend« (1933 bis 1945) den Völkern Europas angetan hat. Wir Deutschen haben als Täternation keinen Grund, darüber zu trauern, sondern Scham zu empfinden und demütig zu sein sowie vor allem aktiv an der Aufklärung, also zum Verständnis des ungeheuerlichen Geschehens, das am 27. Januar 1945 ein Ende gefunden hat, konsequent, kritisch und konstruktiv weiterzuarbeiten. Das aber kann nur geschehen, wenn das »Erinnern der Wunde« gelernt und durch offene Formen vermittelnden Gedenkens an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Es sollte eher eine freiwillige Aufgabe der Zivilgesellschaft als des Staates sein. Viele kleine und stetige Aktivitäten wirken allemal nachhaltiger als spektakuläre staatlich-repräsentative Großveranstaltungen mit Eventcharakter. In Gelsenkirchen wurde mit der Veranstaltung zur »Pogromnacht 1938« von der Kommune eine angemessene Form des Gedenkens gefunden, weil sie bei der Vorbereitung und Durchführung bürgerschaftliche Potenziale einbezieht.

Chajm Guski: Zu den kleinen Aktivitäten zählen sicher die Stolpersteine, die keine Mahnmale oder Grabsteine sind. Sie sollen vor Ort an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Sie sind bewusst ins Pflaster eingelassen. In letzter Zeit habe ich erlebt, dass Menschen Kerzen vor den Steinen aufgestellt haben. Das eigentlich nicht Sinn und Zweck der Steine, sie zu etwas zu machen, was der Profanität des Alltags entzogen ist. Natürlich sind sie Bestandteil des Gehweges und natürlich wird man drüberlaufen. Das ist der Grund, warum sie in den Boden eingelassen sind. Außerdem liegen sie »im Weg« und ziehen kurz Aufmerksamkeit auf sich. Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass manche wegen dieser »Profanität« und der Tatsache, dass Passanten auf die Steine treten, diese Art der Erinnerung ablehnen. Hier sind zwei Lager entstanden.

Heinz Niski: Ich lerne also, es gibt mehr Zuversicht beim Projekt »Humanismus« als Resignation, wenn…..

Reimar Menne: ? Punkt ! Ja gibt es. Nicht wenn, sondern weil es das Projekt gibt.

Peter Rose: … wenn wir 3 Sätze von Primo Levi beherzigen:

»Wieviel von der Welt des Konzentrationslagers ist tot und kehrt nicht mehr wieder? Wieviel ist wiedergekehrt oder ist dabei, wiederzukehren? Was kann jeder einzelne von uns tun, damit in dieser von vielen Gefahren bedrohten Welt zumindest diese eine gebannt wird?«

Chajm Guski & Heinz Niski Herr Rose, Herr Menne, wir danken für das Gespräch.    

Pressestimmen und Bloggerszene zum Gedenktag: Der Rote Emscherbote {jcomments on}

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