Kapitel 5: Antikommunismus und ein guter Wein

Mit Bulmke habe ich etwas vorgegriffen, denn vor meinen ersten Bulmker Aktivitäten stand eine Juso-Veranstaltung, die tatsächlich meine allererste war.

Sie fand noch in der alten Juso-Phase statt, also vor dem berühmten Bundeskongress der Jungsozialisten 1969 in München, auf dem es zum „sozialistischen Umsturz“ kam.

Zur allgemeinen Geschichte der Jungsozialisten

Die Jungsozialisten entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Arbeiterjugendbewegung und waren auch schon in der Weimarer Republik die Jugendorganisation der SPD. Da sich die Kontroversen mit der Parteiführung immer weiter verschärften, wurden die Jusos 1931 durch Beschluss des Parteitages aufgelöst. Nach dem 2. Weltkrieg entstand 1946 die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD.

Bis zum Ende der 60er Jahre waren die Jusos eine parteitreue Organisation, die sich im Wesentlichen auf die Bildungs- und Schulungsarbeit konzentrierte. Der damals amtierende Juso-Bundessekretär Ernst Eichengrün wurde zur Symbolfigur für die Jusos als brave Abnick Organisation. Das änderte sich 1969 auf dem Bundeskongress in München. Mit der Wahl von Karsten D. Voigt zum neuen Bundesvorsitzenden wandelten sich die Jusos zu einer AG mit eigener demokratisch-sozialistischer Identität, die sich auch in der praktischen Politik von vielen Positionen der Gesamtpartei absetzte. Nach einer mehrjährigen Blütezeit der Jusos führten die sich stetig verschärfenden Auseinandersetzungen über abstrakten Theoriefragen zu Fraktionierungen innerhalb des Verbandes und damit zu seinem politischen Niedergang. Davon haben sich die Jusos bis heute nicht erholt, obwohl man, so weit ich das beurteilen kann, gerade in den letzten Jahren von einer gewissen Stabilisierung der AG sprechen kann.

Die Bedeutung, die die Jusos in den 70ern hatten, haben sie allerdings bislang nicht ansatzweise wieder erreicht. Tagungsort war das DGB-Haus der Jugend an der Gabelsberger Straße. Wie ich davon Wind bekam, weiß ich nicht mehr. In der Rückschau bleibt dieser Fakt jedoch allemal erstaunlich, da Sie ja in der Zwischenzeit gemerkt haben müssten, dass zu jener Zeit die Öffentlichkeitsarbeit und die interne Kommunikation der SPD Gelsenkirchen als eine höhere Form der Geheimhaltung praktiziert wurde. Dagegen erinnere ich mich noch sehr präzise an die Veranstaltung selbst. Zur Debatte stand in der typischen Manier der Eichengrün-Jusos das Thema „Systemvergleich BRD – DDR“. Referent des Abends war der NRW-Landesvorsitzende der Jungsozialisten, Franz-Josef Antwerpes!

Ja, genau, Sie haben richtig gehört!

Ich spreche von dem späteren Landtagsabgeordneten Franz-Josef Antwerpes, der sich in der kommunalen Neuordnung 1975 einen Namen machte, der anschließend – Johannes Rau wollte ihn partout nicht als Minister haben – als Regierungspräsident von Köln eine unvergleichliche Originalität entwickelte, die ihm zu Recht den Ruf einbrachte, der bekannteste Regierungspräsident Deutschlands zu sein, und der nach seiner Pensionierung zeitweise als Talkmaster beim WDR fungierte.

Tja, Franz-Josef! Immer wie aus dem Ei gepellt, immer dieser Hang zur Arroganz, immer etwas blasiert, immer dieser untergründige Eindruck, dass ihm ein guter Wein mehr bedeutete als der politisch-soziale Fortschritt der Menschheit.

Andererseits: Ein hochintelligenter, durch und durch politischer Mann mit feinem Witz, gekonnter Ironie, unnachahmlicher Rhetorik, rheinischer Lebensfreude und trotz aller Distanziertheit mit einer ganz nüchternen, erfrischenden Art, das Leben zu sehen.

Kurz: Ich mag Franz-Josef Antwerpes, was sich in unserer langen Bekanntschaft in der Folgezeit, unseren gemeinsamen Jahren als Beisitzer im SPD-Landesvorstand und in anderen Bezügen immer wieder bestätigte.

Am besagten Abend war ich allerdings entsetzt! Sein Vortrag, der in den Fakten gar nicht so falsch war, strotzte nach meinem Empfinden nur so vor einem platten Antikommunismus, jener Ideologie, die ja letztlich nicht eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Kommunismus wollte. Sie hatte allein die Aufgabe, unbequeme Kritiker des eigenen Systems mundtot zu machen – und das ausgerechnet bei den Jungsozialisten! In der heutigen Zeit, in der der Kalte Krieg längst zur Vergangenheit gehört, ist es relativ schwer zu vermitteln, welch erdrückende Rolle der Antikommunismus im oben beschriebenen Sinn in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre spielte.

McCarthy ließ an allen Ecken und Enden grüßen! 

Der amerikanische Senator Joseph McCarthy steht für eine beispiellose Hetzkampagne gegen angebliche Kommunisten in den USA Anfang der 50er Jahre. Der bloße Verdacht genügte schon, um Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich zu ruinieren. Als McCarthys Anschuldigungen gegen renommierte Bürger immer absurder wurden, wendete sich das Blatt. Die öffentliche Meinung schlug um, und McCarthy war erledigt. Es wird angenommen, dass er als Alkoholiker starb.

Insofern war Franz-Josefs Referat für mich eine Bestätigung, dass zuerst einmal bei den Jusos selbst aufgeräumt werden musste, um dann zum eigentlichen großen Werk zu schreiten. Vielleicht, aber ich bin mir da nicht ganz so sicher, habe ich an diesem Abend auch Jochen Poß und einige Bulmker Jusos wie Gregor Kalender und Uwe Obier kennen gelernt. Der Schneeball war jedenfalls losgetreten, und eine politische Lawine, von der ich damals nicht ansatzweise eine Ahnung hatte, kam ins Rollen! von

Hans Frey {jcomments on}

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.

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